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Smartphones erobern nun auch die Klassenzimmer

Südwestfalen erlaubt Schülern das Handy

In NRW ist der Einsatz von Smartphones im Unterricht ganz unterschiedlich geregelt. Manche Schulen verfolgen Konzepte, die die Nutzung von Handys als Unterrichtsmaterial gestatten, und andere, die es grundsätzlich verbieten. In Südwestfalen setzen Schulen immer mehr auf das in der Wirtschaft weit verbreitete Konzept „Bring your own Device“. Die Schüler bekommen nicht etwa ein Gerät gestellt, sie nutzen einfach ihr eigenes Smartphone im Unterricht. Aber kann dies funktionieren?

Smartphones und Tablets werden nun Teil des Unterrichts in Südwestfalen. Quelle: Rawpixel.com – 433824838 / Shutterstock.com

Schöne neue Welt

Eine schöne neue Welt haben die Jugendlichen. YouTube und Twitch.tv haben das Fernsehen bei den Jugendlichen fast gänzlich verdrängt. Den Rest erledigen Netflix und Co. Smartphone und Internet bilden den Lebensmittelpunkt der jungen Generation. Das Bildungssystem tut somit gut daran, nicht nur das Negative zu sehen, sondern das darin schlummernde Potential urbar zu machen.
Es bietet sich also an, die ohnehin bei fast jedem vorhandenen Geräte in den Unterricht einzubauen. Die Geräte lassen sich vielfältig nutzen, um Lerninhalte interessant zu vermitteln. Hagen, Attendorn und Arnsberg lassen ihre Oberstufenschüler das Handy auch in den Pausen nutzen, bei den Jüngeren muss es allerdings in der Tasche bleiben. Halten sich die Schüler nicht an die Verbote, sind Strafen die Folge.
Bei kleineren Verstößen wird das Handy eingesammelt und kann nach Schulschluss wieder abgeholt werden. Gröbere Verstöße, wie zum Beispiel das Hochladen von Bildern entgegen dem Willen des Betroffenen, führt hingegen zu ernsthaften Konsequenzen. TGH-Schulleiter Sven Meyhoefer kündigt für solche Fälle „heftige Ordnungsmaßnahmen“ an.

Strenge Regeln

Das bedeutet aber nicht, dass die Schüler darüber hinaus überhaupt keinen Einschränkungen unterliegen würden. Für sie gelten teils auch klare Verbote. Während der Unterrichtszeit dürfen keinerlei Spiele gespielt werden. Auf Casino-Spiele, Browser-Games und die Nutzung sozialer Medien müssen sie verzichten. Ansonsten wären die Jugendlichen mit ihren Handys auf offensiv werbenden Seiten unterwegs. Bonusangebote, z. B. beim EuroLotto oder ähnlichen Glücksspielen, sind nicht nur, aber vor allem auch für ältere Jugendliche bzw. junge Erwachsene sehr reizvoll. Das Problem bei der Sache ist, dass sie dabei ihre Umwelt vergessen und dem Unterricht nicht mehr richtig folgen können.

Meinungen einiger Lehrervertreter zum Smartphone-an-Schulen-Konzept

  • Dr. Andreas Pallack ist Schulleiter des Franz-Stock-Gymnasiums in Arnsberg und kommt zu dem Schluss, dass die Geräte im Unterricht hilfreich seien, zum Beispiel um eigene Videos über den Unterrichtsstoff zu drehen. Dazugehörige Rollenspiele würden unter anderem dabei helfen, Romaninhalte besser zu verinnerlichen.
  • Wolfgang Rohleder, stellvertretender Schulleiter der Bertha-von-Suttner-Gesamtschule in Siegen, ist sich sicher, dass an Smartphones und Tablets kein Weg mehr vorbeiführe. Noch beschränke sich der Nutzen der Smartphones darauf, das Tafelbild abzufotografieren. Im nächsten Schuljahr könnten die Geräte erst richtig genutzt werden, da die WLAN-Verbindung bisher zu schlecht sei.
  • Rudolf Hermanns, der Schulleiter des Rivius-Gymnasiums in Attendorn, erklärt, dass die Geräte an seiner Schule überwiegend im Sprachunterricht zum Einsatz kämen. Sie würden unter anderem als Lexika genutzt werden.
  • Susanne Hentges und Dr. Holger Thurn sind Projektleiter des Medienprojekts am Theodor-Heuss-Gymnasium in Hagen (TGH). Bei ihnen an der Schule dürfen Oberstufenschüler seit Mai zu Recherchezwecken die Smartphones benutzen.

    Smartphones an Schulen: So soll es funktionieren. Infografikquelle: hansestadt-aktuell.de

Lernziele

Wie wichtig eine frühe Medienbildung ist, zeigt auch der sorglose Umgang mit Schadsoftware oder aber auch Fake-News. Es werden auch von Schülern zweifelhafte Informationen an sämtliche Freunde weitergeleitet, ohne die Quellen zu prüfen. Da muss Medienkompetenz vermittelt werden. Fragt man Schüler, ob sie schon einmal Opfer eines PC-Virus geworden sind, so antworten die meisten mit „Ja“. Nur beeindruckt zeigen sich davon die wenigsten.

Das Schulministerium NRW bietet deshalb auch eine Medienberatung an. Dort werden Lehrer über Bedrohungen aus dem Internet informiert. Es gibt Vorschläge für Unterrichtseinheiten über Viren, Trojaner, Würmer und Hoaxes. Danach sollen dann die Definitionen der Schadsoftware bekannt sein, ihre Wirkungs- und Verbreitungsweise und wie man sich vor ihnen schützt oder sie im Ernstfall wieder loswird. Dabei soll auch eine generelle Sensibilisierung für diese Thematik und ihre Gefahren vorgenommen werden.
Hermanns erklärt weiterhin, dass es wichtig für Schüler sei, den Umgang mit Smartphones zu lernen, um sich ein vernünftiges Urteil zu allerlei Themenfeldern bilden zu können. Ebenso wichtig ist es aber auch, dass die Schulen den Kindern auch Beschränkungen im Umgang mit Smartphone beibrächten, da das im Elternhaus häufig zu kurz kommt oder gar nicht stattfindet.

Organisation

Mancherorts erfolgt die Kommunikation zwischen Schüler und Lehrer teilweise schon über Kurznachrichten. Aus Datenschutzgründen sehen die Schulleiter Facebook, WhatsApp und Co. aber nicht ganz so unbedarft. Deshalb verwendet man in Arnsberg eine eigene App.

Die Finanzierung sichert der Staat. Das NRW-Schulministerium erklärt: „Alle Schulen müssen über eine hervorragende digitale Infrastruktur verfügen, um zeitgemäßen Unterricht zu ermöglichen.“ Das Landesprogramm „Gute Schule 2020“ stellt dem Ministerium zufolge zu diesem Zweck zwei Milliarden Euro zur Verfügung. Neben dem Ausbau der digitalen Infrastruktur sollen von den Geldern auch Sanierungen an Schulen vorgenommen werden.

Im Oktober 2016 hatte die Bundesbildungsministerin ein bundesweites Förderprogramm für den digitalen Ausbau angekündigt. Seine Umsetzung verzögert sich allerdings. Dem Bundesbildungsministerium nach könne erst 2018 mit den Mitteln gerechnet werden. Dann sollen über fünf Jahre fünf Milliarden Euro für den digitalen Ausbau an die rund 40.000 Schulen fließen.

Gefahren

Für Prof. Rainer Riedel, Psychiater und Neurologe an der Rheinischen Fachhochschule Köln, steht fest, dass übermäßiger Medienkonsum der Konzentrationsfähigkeit schade. Diese verbrauche sich mit der Zeit und müsse wieder neu aufgeladen werden. Dafür sei es wichtig, dass die Jugendlichen lernen würden, On-/Off-Phasen einzuhalten.

Bisher fehlt es allerdings an einer Langzeitstudie für eine nähere Betrachtung. Aus diesem Grund begrüßt er ein Schulfach „Medienkompetenz“, um Heranwachsenden zu zeigen, auf welche Weise die analoge und die digitale Welt vernetzt seien. „Jugendliche müssen lernen, dass wir die meisten Dinge analog erleben, beispielsweise sich mit Freunden zusammen zu freuen“, merkt er an.

Zudem sieht der Professor die Gefahr, dass manch Jugendlicher in die Smartphone-Welt abdriftet. Er bezieht sich auf eine US-Studie, welche besagt, dass Smartphones die Stimmung Jugendlicher stärker beeinflusst als gedacht. Besonders der Social-Media-Konsum sei bedenklich. Je länger Jugendliche auf Facebook usw. unterwegs waren, desto schlechter sei ihre Laune im Nachhinein gewesen. Wenn man immer nur die mitunter geschönten Highlights seiner Freunde anguckt, kommt manchem jungen Menschen sein eigenes Leben zu grau vor.

Die Internetnutzung kann zudem zur Sucht werden. Sie zeichnet sich besonders dadurch aus, dass sie keine bestimmte Gruppe betrifft. Sie zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen. Auf Grund der hohen Dynamik, mit der sich die Internetnutzung als mittlerweile meist dominierenden Teil der Mediennutzung entfaltet, sind Jugendliche besonders vor den Gefahren zu schützen.
Dafür sollen präventiv medienpädagogische Konzepte sorgen, die zum einen über Erziehungs- und Familienberatung und zum anderen und vor allem über qualifizierte Fachkräfte vermittelt werden sollen. So sollen Schüler sich eigenständig emanzipieren und sicher im Netz bewegen können.

Kategorie:   Verschiedenes